Uhrentour 2005



 
 

Eine Motorradtour zu den bekannten und unbekannten Gesichtern der deutschen Uhrenlandschaft

Text von Hermann Gräf und Andi Schmitt - Fotos auch


1. Tag, Dornblüth in Kalbe/Milde, Sachsen-Anhalt

Nachdem Andi bereits am Sonntag den Weg nach Osten angetreten hat und in der genialen Pension von Frau Schwarzer in Kalbe, die netterweise von Dornblüth oragnisiert wurde genachtigt hat, stand am Montag als erstes ebendiese Firma auf dem Programm.
Die Wegbeschreibung hörte sich noch ganz einfach an, die entsprechende (unbeschriftete) Strasse, besser Promenade war auch schnell gefunden, kam jetzt ein typisch ostdeutsches Problem auf: Weder Hausnummern noch Klingelschilder.




Also von der Strasse aus in die Fenster der in Frage kommenden Häuser schielen und nach verdächtigen Anzeichen einer Uhrenmanufaktur suchen. Da glänzt doch was Rundes! Kein Namensschild, wie soll da eine Firma sein? Egal, da wird jetzt geklingelt und gefragt. Eine Dame öffnet die Tür und begrüsst einen mit Namen, man hätte schon gewartet.
Dirk Dornblüth ist noch nicht da und so wird man vorab schon mal durchs Haus geführt und sieht Rohmaterialien, Maschinen und die Galvanik bevor der Chef höchstpersönlich übernimmt und man alles gezeigt, erklärt, nochmal erklärt usw. bekommt. Wirklich erstaunlich ist es, wie "roh" das Material, aus dem in langen Stunden Uhrwerke entstehen, hier angeliefert wird: Messingplatten und Gewindestangen in verschiedenen Materialien und Durchmessern sind tatsächlich alles. Keiner der Maschinen sieht der Laie auch nur im Entferntesten an, wozu sie wohl gut sein könnte. Die Galvanik sieht mehr nach Chemiebaukasten denn nach  Industrie aus. Das gesamte Werk ist das Produkt aus Handwerkskunst und Know-How, automatisch geht hier gar nichts.
Die Uhren sind unglaublich schön, noch besser als auf der sehr gut gemachten Website. Im Geiste wird das Konto geplündert. Lieferzeit ist etwa ein halbes Jahr, da bleibt Zeit zum Sparen.




Die Zeit vergeht viel zu schnell, es steht auch noch eine nette Regenfahrt von 400km nach Glashütte an, die aber ausser dem Verlust der Regenhaube vom Gepäck ereignislos vonstatten geht.

Kaum hat Andi das Zelt aufgestellt erscheint der zweite Protagonist der Reise, Hermann, aus Wien kommend, nach nicht ganz 7h Regenfahrt durchnäßt und schlecht gelaunt am Campingplatz.

Zelt aufbauen, Bier, Kaffee (Andi hat eine beeeindruckend praktische Campingespressomaschine dabei die ihm nur 2x umfällt), Whisky, Essen (mit Erstaunen stellt Hermann fest, daß es in Ostdeutschland ein Überangebot österreichischer, oder besser, österreichisch klingender Nahrungsmittel gibt. "Tiroler Apfelstrudel" - der kommt aus Wien Herrschaften, sicher nicht aus Tirol -, "Wiener Kaffe", "Wiener Schnitzel") Schlafengehen, Frieren


2. Tag, Uhrenmuseum und Nomos in Glashütte, Sachsen

Frühstück am Campingplatz (Kaffe fällt 1x um)
Ab nach Glashütte.
"Glooshidde" wie der Einheimische sagt.
Der Deutsche wirft dem Ösi ja gerne sein unverständliches Idiom vor.
Angesichts dessen, was hier aus der deutschen Sprache gemacht wird, ist das eine ordentliche Frechheit.
Mit Andi als Simultanübersetzer geht's aber.
Nach winzigen navigatorischen Unsicherheiten - die Beschilderung dient hier eher der Verwirrung als der Information - Eintreffen im Mekka des Uhrenfreaks.
OK, in einem der Mekkas.
Um 13.00h haben wir einen Termin bei Nomos davor besuchen wir das Uhrenmuseum.

Kurze Einführung in die Geschichte Glashüttes als Uhrenstandort:
16. Jahrhundert: Bergbau.
Glashütte hat nämlich nichts mit Glas zu tun, sondern bedeutet "Hütte in der glänzendes Material (Metall) abgebaut wird.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg ist es damit aus und die Glashüttener verbringen die Zeit bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit Strohflechten, Hungern und Frieren.
Nachdem das ausgiebig getan wurde richtet man ein Bittgesuch an die sächsische Regierung die schon nach wenigen Jahren tätig wird.
Auftritt Ferdinand Adolph Lange, seines Zeichens Hofuhrmacher in Dresden.
Er gründet die erste Uhrenfertigung in Glahütte, der bald weitere wie z.B. Union und Assmann folgen.
Bis WK II gehen die Geschäfte gut, danach Zusammenfassung und Umwandlung in Volkseigenen Betrieb.
Nach der Wende Neuanfang mit Lange, Glashütte Original, Union, Nomos usw.
Das und noch mehr erfährt man im Museum, zudem natürlich massig Uhren von der Armband-, über die Taschen- und Büffet- sowie die Wand- hin zu ausgewachsenen Standuhren.
Dazwischen Werkzeug, Werke, Werkmeister.




Und jetzt zu Nomos.

Zunächst ausgiebiges Begutachten der Modelpalette.
Rundgang in der Chronometrie - hier ist vor allem die Entwicklung beheimatet - und Gespräch mit einem leibhaftigen Konstrukteur eines real existierenden Uhrwerks. Nämlich des neuen Automatikwerkes von Nomos. Das Werk wird gerade in 250 Uhren eingebaut, die dann an Testträger ausgegeben werden.



Wie wir später feststellen, werden wir im Laufe unserer Tour nicht mehr näher an einen echten Entwickler herankommen.
Nomos ist gerade dabei, den Weg zur richtigen "Manufaktur" (dieses Wort werden wir noch öfters hören) zu beschreiten, was durch die Konstruktion des eigenen Automatikwerkes unter Beweis gestellt werden soll.
Außerdem werden hier Schrauben gebläut, Zahnräder geschliffen, Werkteile finnisiert und die Uhren reguliert und eingeschalt.

Danach geht's zum alten Bahnhof in dem die Fertigung von Platinen und Werkteilen, deren Qualitätskontrolle und die Laser-Beschriftung von Böden vorgenommen werden. Hier wird auf modernen CNC- und Drahterodierungsmaschinen gearbeitet, während ausserhalb der Produktionsräume noch die Bauarbeiter am Gebäude arbeiten.




Alle, teilweise zugegeben recht dämlichen Fragen, werden mit bewundernswerter Geduld und Freundlichkeit beantwortet, wir sind mitten in der Produktion und alle Angestellten, die wir offensichtlich beim Arbeiten stören, nehmen sich Zeit für uns.
Zurück zum Campingplatz.
Bier, Kaffe (1x), Whisky, Zigarre, Kotzen (Herrmanns Allergie auf Kubanische Zigarren...), Essen
Schlafen, Frieren


3. Tag, GUB und SUG in Glashütte, Sachsen

Frühstück.
Andi gibt alles und zaubert im ersten Durchgang einen Espresso.
Wieder nach Glashütte.

Zu Glashütte Original.

Nachdem manch einer partout nicht glauben möchte, daß Union und GO vom gleichen Hersteller stammen, und alles der Swatch Group gehört, hier das Beweisfoto. Ein Größeres findet sich, wenn man dem Link ganz unten zu allen Bildern folgt.

Möndäner Eingangsbereich

Freundliche Begrüßung.

Blond, gepflegt, gut gebriefed.
Zuerst Info über die Geschichte v. Glashütte (Bergbau, Strohflechten, Frieren, Hungern, Bittgesuch, Lange...), dann Bestaunen der Vitrinen im Eingangsbereich.




Hätte man nicht bereits gewußt, daß eine Manufaktur im Uhrenbau was Gutes ist, GO sich demzufolge als solche versteht, spätestens jetzt wär's klar geworden.
"Wir als Manufaktur..", "Hier in der Manufaktur..", "Uns als Manufaktur..", "Die Manufaktur Glashütte Original..."
Gerne und mit Freude wird auf die Ferigungstiefe von "uns als Manufaktur" hingewiesen, welche "hier in der Manufaktur" 98% beträgt.
Die beziehen sich auf die Gesamtanzahl der Bauteile inkl. sämtlicher Zahnräder und Schrauben.
Zweifellos ein beeindruckender Wert.
In den 2% verstecken sich dann Gehäuse, Zifferblatt, Zeiger und Glas.
Also fast alles was man sieht.

Auch hier sehen wir echte Uhrmacher bei der Arbeit, allerdings hinter Glas.




Ist nicht unverständlich, wenn man weiß, daß hier bis zu 2xtäglich Gruppen von bis zu 20 Leuten durchgeschleust werden.
Echter Kontakt zu echten Uhrenherstellern wär trotzdem nett gewesen, wenn auch die blonde, gepflegte und gut gebriefte Dame freundlich, fachkundig und geduldig Auskunft über sämtliche Belange von "uns als Manufaktur" gibt.

Weil noch Zeit ist, besuchen wir auch die SUG (Sächsische Uhrentechnologie Glashütte) wo Dr. Boldt freundlicherweise kurzfristig eine kleine Werksführung speziell für uns macht.
Weniger blond, ebenfalls gepflegt und freundlich und das Briefing war hier wohl nicht nötig, weil offensichtlich jemand spricht der seit Jahrzehnten mit der Materie vertraut ist.
Fotografieren ist hier nicht erwünscht, wir erfahren aber einiges interessantes über die Fertigung der, hauptsächlich für Sinn gefertigten, Gehäuse. Auch hier wird zum Teil auf hochmodernen NC-Maschinen, zum Teil aber auch viel von Hand gearbeitet. Gerade beim Oberflächenfinish schlägt ein erfahrenes Auge eine Maschine um Längen.

Nächste Station: Frankfurt wo wir nach ereignislosen 400km im Regen und einer wirklich besonders fetten Wurst an einer Autobahnraststation ankommen.
Abendessen und Übernachtung bei Familie Wenz.


4. Tag, Firma Sinn in Frankfurt am Main, Hessen

Am Vormittag befahren wir die Frankfurter Ausflugsstrecke, den Feldberg sowie die Taunusstraße.
Für den Frankfurter mag das bereichernd sein, als Bayer und Ösi hat man da evtl. andere Maßstäbe.

13.00h, Sinn - Spezialuhren zu Frankfurt am Main.
Wir weden von Frau Konietzko in Empfang genommen, die uns dankenswerter Weise den Termin organisiert hat.
Begutachtung der Modellpalette einschliesslich der in Basel frisch vorgestellten Modelle. Befummeln inclusive. Im Geiste wird der Kontostand geprüft.



Führung durch Montage und Qualitätskontrolle.
Wir werden über die Vorteile von Argonfüllung, Trockenhaltekapseln, Tegimentierung, Titan, U-Bootstahl usw. aufgeklärt, sehen Dichtigkeitsprüfung, Argonfüllung und Zeitwaage im Einsatz und bekommen auch hier sämtliche Fragen beantwortet. Beim hauseigenen Physiker und Konstrukteur, Dr. Bonefeldt, bekommen wir einen Einblick in die Kostruktion des Gehäuses der neuen Modelle U1 und U2. Interessant ist, dass man als Kunde hier angehört wird und sinnvolle Wünsche so Eines Tages in ein Modell einfliessen können. Als Taucher sind einem z.B. meist die Lünetten von sogenannten Taucheruhren nicht griffig genug und Leuchtmasse wünscht man sich grundsätzlich in mindestens doppelter Menge.








Etwas verschämter als Tags zuvor fällt auch heute der Begriff  "Manufaktur", was angesichts der Tatsache, daß fast ausschließlich angelieferte ETA Werke eingeschalt werden, etwas seltsam anmutet.
Dafür werden hier, über den beinahe Tochterbetrieb SUG, eigene Gehäuse entwickelt und hergestellt.
Auch Innovationen auf dem Gebiet der Werksschmierung (Stichwort Diapaltechnik) gibt es.
Alle angesprochenen Punkte, und noch einige mehr werden übrigens auf der Sinn Homepage beantwortet.
Nachdem Herrmanns 203er nach fast 5 Jahren ein Service vertragen kann, und er dem Depot in Wien nach mehreren wenig erfolgreichen Reparaturversuchen nicht recht vertraut, bleibt sie gleich hier.



Worüber man bei Sinn wenig hört, ist ein gewisser Helmut Sinn.
Man hätte evtl. angenommen, daß der Gründer und jahrzehntelange Inhaber einer Firma da und dort erwähnt wird.
Sinn Mitarbeiter reagieren auf die Erwähnung dieses Namens aber eher wie Gallier auf das Wort Alesia.
(Asterix Leser sind hier klar im Vorteil)
"Es gibt kein Alesia, wo soll dieses Alesia sein, es hat nie ein Alesia gegeben"

Danach Besuch eines typischen Frankfurter Budchens der uns eine Vielzahl von Entscheidungen abverlangt: "Pils oder Export, welche Sorte, groß oder klein, kalt oder warm, aufmachen oder zulassen". Anschliessen wird man vom fachkundigen Publikum über Motorräder und das Leben im allgemeinen aufgeklärt.
Den genauen Ablauf des Besuchs eines Budchens erklärt am Besten unser Frankfurter Spezl hwicht: Budchen.txt



Danach Abendessen im Biergarten in Hoechst mit Wenzens und hwicht. Was man in Frankfurt halt so ißt. Erinnern kann ich mich an Ei in grüner Sauce und an Flammkuchen. Und nicht wenig Apfelwein.


5. Tag, Herr Sinn in Frankfurt am Main, Hessen und Schauer/Stowa in Pforzheim, Baden-Würtemberg

Der letzte Tag der Uhrentour beginnt mit einem der Höhepunkte der Reise, dem Besuch von "Opa Sinn", also Herrn Sinn, Gründer der jetzt von Herrn Schmidt geführten Firma Sinn, 89 Jahre alt und noch kein Stück müde, mit seiner neuen Firma noch einiges zu erreichen. Wie zum Zeichen seiner geistigen Fitness begrüsst Herr Sinn Andi mit Namen und meint noch, er wäre doch neulich erst hier gewesen. Ist auch erst 2 Jahre her, damals im Anzug, heute in Moppedklamotten.
Ein Besuch bei Herrn Sinn lohnt sich allein schon wegen der Geschichten, die sich in über 50 Jahren im Uhrengeschäft angesammelt haben, er kennt jeden und alles und weiß eine Geschichte dazu. Mit jedem Satz gewinnt man die Erkenntniss, dass hier ein echter Uhrennarr im positivsten Sinne des Wortes spricht, der zielstrebig an seiner Vorstellung der idealen Uhr arbeitet.




Während Andi mit Herrn Sinn die bisherige Tour bespricht und dabei auch die neusten Geschichten von "da drüben" (gemeint ist die Firma Sinn) erfährt, nutzt Hermann die Gelegenheit und verliebt sich in eine neue Uhr, was ganz passend ist, da er seit gestern uhrlos unterwegs ist, da seine andere ja bei Sinn zur Wartung liegt. Der Kauf ist schnell beschlossene Sache und dann kommt das Ritual, das nur Uhren widerfährt, die man bei Herrn Sinn persönlich gekauft hat: Die Gravur seiner Initialien auf das Glas des Gehäusebodens. Auch für die Einweisung in die Funktionen der Uhr lässt sich der alte Meister persönlich Zeit, der direkte Kontakt zum Kunden ist ihm über alle Maße wichtig.



Zum Abschied lässt er es sich nicht nehmen, uns nach unten zu begleiten, wo er uns noch den Weg erklärt, nachdem wir ihm endlich mal was erzählen konnten - über die Moppeds.

Schweren Herzens reissen wir uns los.
Andi voll Vorfreude auf Schauer/Stowa und dem Plan dort zumindest eine Stowa zu erstehen.
Hermann versucht derweilen Gründe zu finden, warum der Uhrenkauf, allen guten Vorsätzen ("Nein Schatzi, dieses Mal kauf ich mir sicher keine Uhr, ich versprech's") zum Trotz, leider unvermeidlich war.
Um pünktlich zum vereinbarten Termin bei Schauer einzutreffen, machen wir auf der Autobahn etwas Druck und treffen tatsächlich mit nur minimaler Verspätung ein.
Wo wir mit "Sie sind zu früh dran, ich hab jetzt keine Zeit" begrüßt werden.
Nicht von Jörg Schauer selbst, der ist nämlich, obwohl's lose vereinbart war, gar nicht da.
Immerhin hat man uns bereits erwartet.
Was leider nicht heißt, daß man uns auch zur Kenntnis nimmt.
Zunächst werden wir in eine Art Aufenthaltstraum gebeten in dem ein paar Vitrinen mit alten und neuen Stowas und Schauers stehen.
Zudem eine Kaffemaschine.
Die leider nicht funktioniert.
Schade, wäre nett gewesen, sich mal einen Kaffe zu machen, ohne damit rechnen zu müssen, daß die Maschine umfällt.
Nach 1/2h erbarmt sich der ebenfalls anwesende firmeneigene Uhrmacher und erklärt uns ein bißchen etwas zur Herstellung der Uhren, speziell der Uhrengehäuse und des Artus Armbandes auf das man hier sehr stolz ist.
Nach einiger Zeit verschwindet er, und wir werden für eine weitere Stunde uns selbst überlassen.
Nachdem wir heute noch gut 200km zu fahren und auch sonst noch einiges vorhaben, werden wir etwas unruhig.
Was wieder den Uhrmacher auf den Plan ruft.
Interessant, daß in einer Firma die sich mit der Herstellung von Uhren beschäftigt, der Uhrmacher scheinbar als einziger abkömmlich ist, während sich alle anderen hinter ihren Computern verkriechen.
Die Führung durch die Produktionsräume ist dann doch noch interessant und als krönenden Abschluß dürfen wir uns sogar noch selbst betätigen indem wir Gläser in Gehäuse einsetzen und wieder entfernen.
Das war dann eigentlich noch sehr nett.
Allerdings nicht nett genug, um Andi seinen ursprünglichen Plan, hier eine Uhr zu kaufen, in die Tat umsetzen zu lassen.
Spart er halt noch ein wenig und kauft sich eine Dornblueth.


Alle Bilder der Tour

Back